Buchvorstellung: Die Nacht der Masken

Nacht der Masken Die Nacht der Masken von Ines Witka

„Die Nacht der Masken“ von Ines Witka

Wie wäre Ihr Sexleben, wenn Sie nicht Sie wären?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären in einem Raum mit Menschen, die alle das Eine wollen. Sie wissen nicht, wer diese Menschen sind und diese wissen nicht, wer Sie sind. Keiner von ihnen wird Sie je auf der Straße wiedererkennen. Denn alle tragen Masken. Anonymer Sex ist der neue Megatrend. Ines Witka will diesem Phänomen auf den Grund gehen und begibt sich auf ein Schloss, nimmt Teil an der „Nacht der Masken“ und fragt die Teilnehmer nach ihren Erfahrungen und Beweggründen.
Es vergeht nicht viel Zeit, bis sie alles, was um sie herum passiert nicht mehr nur mit den Augen einer Reporterin betrachten kann. Wird sie Teil des Spiels?

 

Auszug aus „Die Nacht der Masken“

Der Mann am Klavier spielt gelassen It’s ecstasy when you lay down next to me von Barry White, und ich frage mich, was er schon alles auf der Nacht der Masken gesehen hat. Mehr als Augenkontakte und Wortgeflüster? Sanfte Berührungen? Handfeste Begegnungen? Der Gastgeber René, in schwarzer Husarenuniform mit glänzendenMessingknöpfen, klopft an sein Glas: »Willkommen, liebe Gäste, welcome und bonsoir. Wir freuen uns, dass wieder so viele von euch unserem Wunsch gefolgt sind und die zahllosen Möglichkeiten, sich erotisch zu kleiden, so phantasievoll genutzt haben. Das macht die Atmosphäre unserer Nacht aus.«

Die Frau, die gemeinsam mit uns die Burg betreten hatte, lässt die Hände über ihr Kleid gleiten, das mehr Haut entblößt als bedeckt. Mit ihrer Figur könnte sie ein Bikini-Model sein. »Wer die extravaganten Fetischoutfits, die historischen Kostüme und die vielen verführerischen Ideen unserer schönen Gäste sieht, weiß, warum wir zusammen sind. Wir sind hier, um gemeinsam einen sündigen Abend zu erleben.« Das Versprechen lässt die Augen der Gäste leuchten, wie zur Bestätigung nicken sich einige kurz zu. »Bevor wir zum Essen gehen, möchte ich noch an unsere Spielregeln erinnern. Wachsspiele sind nicht erlaubt, auch nicht im Gewölbekeller – das ist dem Schlossbesitzer zu gefährlich. In den Gemächern der Burg haben wir wieder SM-Spielgeräte aufgestellt.
Das Verlies ist geheizt, und wem es dort zu hart zugeht, verlässt bitte ruhig den Raum, ohne das Szenario zu stören. Es gibt für jeden erotischen Wunsch einen Ort. Respektiert bitte die Lust des anderen und vergesst nicht: Wir sind eine tolerante Gesellschaft. Genug der Worte, lasst uns feiern! Folgt mir über den Hof in den Rittersaal.«Er öffnet die Tür, kalte Novemberluft dringt in die Bar. Die Damen ziehen fröstelnd die dünnen Seidenstolas um die nackten Schultern. Ein Spalier von Feuerschalen beleuchtet den Innenhof, der Schein der Flammen verbreitet orangefarbenes Licht, die Schatten der über den Hof eilenden Paare tanzen auf den alten Burgmauern. Im Hauptbau schreiten wir eine Wendeltreppe hinauf, die uns in den Rittersaal führt. Auf einer kleinen Bühne spielen zwei Musiker klassische Musik. Die Tische sind mit silbernen Leuchtern, Masken und Federschmuck festlich dekoriert. Schwarz gekleidete Kellnerinnen und Kellner bieten eisgekühlten Chardonnay oder einen wohltemperierten Merlot an. Gläser klirren aneinander, Gelächter weht durch den Raum. Wer bereits an den Tischen sitzt, verfolgt mit neugierigen Blicken diejenigen, die einen Platz suchen – sehen und gesehen werden scheint ein Teil des Vergnügens zu sein. Während ich auf schwindelerregend hohen Schuhen unsicher durch den Saal schreite, fühle ich mich trotz Maske ziemlich verletzlich und überhaupt nicht mehr als Undercover-Reporterin. Zögerlich gehe ich auf einen halb besetzten Tisch zu. Sofort springt ein Herr im historischen Festgewand auf. Die Schnallenschuhe, die brokatene Manteljacke und die lockige Langhaarperücke kennzeichnen ihn als Mann des Hochadels. Zuvorkommend rückt er mir einen Stuhl zurecht: »Darf ich uns vorstellen?« Er weist auf seine Begleiterin, die huldvoll das Haupt neigt. »Marie Angélique, die Mätresse des Königs.« Mit
einer leichten Verbeugung zeigt er auf sich: »Wir sind König Ludwig XIV.« Er redet von sich nur im Pluralis Majestatis, fällt während des gesamten Essens nicht aus seiner Rolle.

Ein Pärchen aus Holland kommt hinzu. Sie trägt ein Kleid aus schwarz glänzendem Satin, die Taille ist mit einem Korsett eng geschnürt, der Rock fällt lang zu Boden. Aber das Besondere ist, dass bei dem Kleid der O, und um ein solches handelt es sich, die Brust unverhüllt ist. Die Holländerin hat eine gewaltige Oberweite, und fasziniert schaue nicht nur ich auf diese prächtigen weißen Brüste. Als Schmuck trägt sie ein Halsband mit einer Öse, ihr devotes Bekenntnis ihrem Mann gegenüber. Er, im klassisch schwarzen Abendanzug, von Beruf Arzt, stellt einen kleinen Lederkoffer neben sich ab. Seine Maske mit Schnabelfortsatz erweist sich beim ersten Gang, einem köstlichen Steinpilz-Tiramisu, als tückisches Hindernis. Nach einem leichten Cremesüppchen und vor dem gebratenen Wolfsbarschfilet steht der Arzt auf, seine Frau folgt ihm mit gesenktem Kopf. Was wird mit ihr geschehen? Diesem ersten Geheimnis des Abends möchte ich unbedingt auf die Spur kommen, und so lasse ich mich in den Gewölbekeller locken.
Mit seinem Andreaskreuz und den Käfigen wirkt er wie ein mittelalterlicher Folterkeller. Kleine Rollwägen, bestückt mit Kondomen, Desinfektionsspray und Kosmetiktüchern, stehen neben dem Sklavenstuhl und der Streckbank. Düstere Choräle unterstreichen die schaurige Atmosphäre. Doch für das holländische Paar scheint es der richtige Ort zu sein: Sie senkt den Kopf vor ihm, er nimmt ihre Demutsgeste an und befiehlt ihr, sich an das Andreaskreuz zu stellen. Dort fixiert er sie mit stabilen Ledermanschetten, seinem Koffer entnimmt er eine Gerte. Ich wage nicht weiter hinzuschauen, beim Verlassen des Raumes begleitet mich das klatschende Geräusch von Leder, das auf nackte Haut trifft. Von ihr höre ich keinen Laut. Als die beiden wieder bei uns am Tisch eintreffen, zeigen die imposanten Brüste der O deutlich die Spuren seines Handelns, und sie wird von Ludwig XIV. zu diesem Umstand befragt. Mit niedergeschlagenen Augen, aber mit Stolz in der Stimme gesteht sie: »Das hat mein Meister getan.« Ludwig XIV. ist sprachlos.

Mittlerweile ist es im Rittersaal sehr heiß. Die Frauen fächeln sich Luft zu, die Männer öffnen die Anzugjacken. Ein weibliches Künstlerpaar bietet auf einer improvisierten Bühne eine kleine szenische Performance. Thomas ist entzückt, wird die junge Frau, die einen knabenhaften Pagen spielt, dabei doch von der Schlossherrin entkleidet. Als diese dann gänzlich undamenhaft ihren Rock rafft, kommt ein schwarzer Umschnalldildo zum Vorschein. Sie zieht ihre junge Gespielin auf den Schoß und vögelt sie, die silbern leuchtenden Sterne auf den Brustwarzen des Pagen wippen heftig auf und ab. Anregende Inspiration bietet nicht nur die kleine Theaterinszenierung, nein, die Maskenträger selbst sind das Programm. Die weiblichen Gäste genießen es, sich zu präsentieren und ihre körperlichen Reize gekonnt in Szene zu setzen. Entsprechen sie auch nicht alle dem gängigen Schönheitsideal, so stört das die erotische Atmosphäre doch keineswegs.

Durchtrainierte Herren zeigen sich im Kettenhemd, im Rock und einer, sehr gewagt, zwar mit Smokinghemd und Stiefeln, allerdings ohne Hose. Einige Gäste haben den Saal bereits vor dem letzten Gang, der Crème brûlée mit Cassis-Eis, verlassen. Aber nun, da das Mahl beendet ist, strömen auch die anderen rasch hinaus. Ich dränge Thomas zum Aufbruch, um nichts von dem sinnlichen Live-Schauspiel zu verpassen, das die Paare, die sich die Lizenz zur Ausschweifung gegeben haben, sicher bieten werden. Den roten Lichterschlangen folgend gehen wir einen langen Flur entlang, rechts und links führen Türen in Liebeszimmer. Die Mätresse des Königs Marie Angélique hat ihr historisches Gewand wohl an der Garderobe abgegeben, denn sie liegt statt im edlen Kleid nur noch mit Netzstrümpfen und High Heels bekleidet auf dem breiten Bett und lässt sich gleich von mehreren Herren des Hofes verwöhnen.

Die nächste Tür ist angelehnt, beim Vorbeigehen vernehmen wir lustvolles Stöhnen und das rhythmische Klatschen von Haut auf Haut. Diskret huschen wir weiter, während andere sich genau dort hineindrängen. Der Mann mit der weißen Larve trägt statt Krawatte jetzt ein stabiles Seil um den Hals, und seine Bikini-Schönheit zieht ihn in einen der herrschaftlichen Säle. Sprachlos bleibe ich im Eingang stehen. Im Halbdunkel finden die Maskierten zusammen, lieben sich in einer freien, wilden Choreografie, die dezente Musik untermalt das erregte Seufzen und Keuchen. Doch bei genauerem Hinsehen löst sich das Bild in einzelne Szenen auf. Ein Paar bewegt sich als Schattenspiel hinter einem Paravent, er kniet zwischen ihren weit gespreizten Beinen, sie biegt den Kopf zurück, die Silhouette seines Schwanzes ragt kurz steil empor, bevor er in sie eindringt. Ein indischer Maharadscha kniet auf einem Bänkchen vor seiner Tempeltänzerin, die sich lasziv auf einem gynäkologischen Stuhl räkelt. Sein Zungenspiel scheint virtuos zu sein. Sie stöhnt erst verhalten, dann lauter, ab und an von kleinen Lustschreien unterbrochen.
Thomas gibt mir einen sanften Schubs, so dass ich die Schwelle zum Saal überschreite, vor der ich unwillkürlich verharrt habe. Wir gesellen uns zu den Zuschauern, die an der Wand lehnen, um das Treiben zu beobachten. Das Paar neben mir tauscht verliebte Blicke aus, bevor sie ihren Rock nach oben schiebt, den Po dichter an den Körper ihres Liebsten drängt, und er seine Finger zwischen Haut und Stoff schiebt. Es ist ein aufregendes Gefühl, Voyeur zu sein. Auch die Augen von Thomas glänzen, seine Grübchen sind doppelt so tief und sein Grinsen viel breiter als sonst. Diese eindeutigen Bilder machen an, und wenn wir uns nicht mitreißen lassen möchten, dann wird es jetzt Zeit für eine Pause. Leise schlage ich einen Wechsel in die Bar vor. Dort lassen wir uns kalten Champagner servieren. Der Mann am Klavier spielt Whenthe wild rosesgrow, und wir träumen beide vor uns hin.

An der Theke stehen ein Mann und eine Frau eng beisammen, die Rollen sind klar verteilt, Lederhose, schwarzes Hemd und Ledermaske kennzeichnen ihn als ihren Herren. Ein dunkelrotes Samtcape, ein breites Metallhalsband und hohe Lackpumps sind ihre einzige Bekleidung. Streng blickt er ihr in die Augen und befestigt eine Leine an der Öse ihres Halsbandes. »Ab in die Hölle«, flüstert sie mir ahnungsvoll zu, lässt sich aber bereitwillig davonziehen. »Lass uns den beiden folgen«, schlägt Thomas vor. »Im Verlies war ich noch nicht.« Die junge Sklavin liegt auf der Streckbank, ihre helle Haut leuchtet verführerisch im Halbdunklen, an den Füßen trägt sie noch die Pumps. Das Cape dient als Unterlage, ihr nackter Körper ist schutzlos den Blicken der Zuschauer preisgegeben, die sich in diskretem Abstand aufgestellt haben. Sie genießt es, ausgeliefert zu sein, ihr glücklicher, beinahe entrückter Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran. Mit den Riemen einer Peitsche streichelt er zärtlich ihre schmale Taille, streift wie zufällig die Innenseiten ihrer Schenkel. Dann lässt er die Riemen kreisen und durch die Luft sausen, mit einem satten, schnalzenden Geräusch treffen sie auf den Venushügel. Sie ballt die Fäuste, ihre schwarz lackierten Fingernägel graben sich kurz in die Handballen, ihre roten Lippen öffnen sich leicht. Das Publikum verhält sich leise, fast andächtig, liturgische Gesänge verstärken die feierliche Stimmung. Bevor die private Inszenierung der beiden zu Ende ist, verlassen wir den Gewölbekeller und steigen die Treppe hinauf ins große Renaissancezimmer.

Erschöpft lasse ich mich auf einem der Sofas nieder – so viele Eindrücke, die ich festhalten möchte. Thomas fragt, ob er mich kurz allein lassen kann. Während ich ihm nachsehe, fällt mir ein Maskierter auf, seine goldene Maske passt perfekt zu seinem Hautton. Ich kann kaum den Blick von ihm wenden, so fasziniert er mich. Da nähert er sich mir. Habe ich ihn zu lange betrachtet und damit ein Zeichen ausgesandt? Er fasst galant nach meiner Hand und küsst sie. Meine Nackenhaare stellen sich angenehm auf. Abwartend steht er da, bis ich eine einladende Geste mache, er setze sich nah zu mir.

»Darf ich Sie lieben?«, flüstert er mir ins Ohr: Neugierig wende ich mich ihm zu, haselnussbraune Augen blicken mich freundlich an: »Ich versuche bei jeder Nacht der Masken dabei zu sein, egal wo ich mich gerade aufhalte. Diesmal bin ich aus New York hergeflogen. Nur in Deutschland kann man so frei lieben.
Die Amerikaner sind zu prüde für so ein amouröses Vergnügen, die Engländer trinken viel zu viel, und in Asien gibt es nichts Vergleichbares.« Dabei streichelt er mit seiner Hand meinen Arm hinauf, und ich vermeide es, ihm in die Augen zu sehen, während er mit dem Finger die Linie meines Halses nachfährt. …

 

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