Das verdammte Leben der Mingle

Oversexed [ 3 ]
Siev 25hours hotel flur Ein Mingle im 25hours Hotel Bikini Berlin

Da sitze ich jetzt. Auf Klo in dieser Bar, weil ich kurz flüchten musste. Was ist denn das schon wieder: „Mingle??!!“ Er sagt, er sei Mingle.

Ich wollte mich grad nicht ganz blamieren, darum sitze ich jetzt hier mit meinem Handy und google mal. Was werde ich finden?

Eine Religion? Noch schlimmer, ne Sekte? Eine Krankheit, eine Berufsgruppe? Handy, jetzt lad´ mal schneller!

Aha. Ein Mingle fickt seine Partnerin genauso gern, wie er ihr Frühstück ans Bett bringt.

Zusammen reisen und auf dem Sofa kuscheln ist auch ok. Eltern kennen lernen, Zukunftspläne und Verantwortung übernehmen gehören allerdings nicht zu seinem Repertoire.

Ich lese weiter.

Mingle ist ein Neologismus, eine Wortneuschöpfung aus Mixed und Single.

Ich denke daran, wie man immer wieder in allen Blättern von der Single-Hauptstadt Berlin und der Bindungsunfähigkeit der Berliner lesen kann. Nicht selten werden wir ja als gefühls-abgefuckt, als verlorene Seelen dargestellt. Mein Handy findet die Pressemitteilung vom Statistik-Amt Berlin Brandenburg. 2014 wiesen mehr als die Hälfte aller Haushalte in Berlin nur eine einzige Person auf. Nun haben wir endlich einen Namen! Wir sind endlich kategorisiert.

Mein Typ da draußen, der will also alle Vorteile einer Beziehung genießen, mich aber auch ohne großes Drama wieder abschießen können. Ich denke weiter. Er umgeht damit jedes meiner Rechte, etwas zu fordern, zu verlangen in der Zweisamkeit, die wir verbringen. Damit würde ich ihn abschrecken, oder wie ? Klingt anstrengend, irgendwie.

Grad schießt mir durch den Kopf, dass ja irgendwie jeder die größtmögliche Freiheit sucht.

Wir wollen uns weiter entwickeln und selbst verwirklichen. Am liebsten, ohne von jemandem beeinflusst zu werden, und bitte schon gar nicht vom Falschen! Ganz allein wollen wir das schaffen. Wollen uns nicht festlegen und Stärke beweisen. Plötzlich läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Ich auch. Ich bin genauso. Aber allein sein, kein Kuscheln, kein Streicheln, keine Vertrautheit, wenn ich sie brauche… das will ich irgendwie auch nicht.
Mein Handy vibriert und reißt mich aus meinen Gedanken, meine Tasche fällt zu Boden vor Schreck, der Inhalt breitet sich auf dem Boden aus, meine nicht unbeachtliche Sammlung Kondome von diversen Clubbars rutscht unter der Klokabine durch. Kichern von draußen.

„Ja, was?“, rufe ich verärgert. Ich bin eben Single… äh ne, Mingle.

Ich hab da so´n Typen, der ist echt süß, zwei bis dreimal die Woche treffen wir uns zuhause oder halt im Club. Mit dem ist es echt mega heiß, gute Gespräche haben wir auch. Wenn er da ist hab ich das Gefühl, er ist komplett bei mir. Ich würde oft gerne so nah bei ihm sein, wie es nur geht. Aber richtig zusammen sein mit dem will ich auch nicht. Er feiert zu viel, mehr Sport könnte er auch machen, irgendwie.

Darum sitze ich ja jetzt hier mit dem anderen. Also dem, der draußen auf mich wartet. Vielleicht ist er ja der Richtige? Eigentlich, fällt mir grad auf, bin ich echt hoffnungslos romantisch. Ich suche ja den Richtigen! Ich will einen, mit dem ich alt werden kann. Und dabei möchte ich nicht von der falschen Entscheidung durcheinander gebracht oder gestört werden. Ich will jemanden, mit dem es zu jeder verdammten Zeit perfekt ist. Nicht sowas Halbes.
Aber ist das der richtige Weg? Gibt es im Leben irgendetwas, das durchgehend immer perfekt ist? Haben wir den Bezug dazu verloren, dass es mit keinem Partner dauerhaft perfekt läuft? Weil, verdammt nochmal, zwei unterschiedliche Menschen aufeinander treffen?
Ich habe mir selbst die größtmögliche Freiheit gebaut. Ich habe die Freiheit, gefickt zu werden, wenn ich es brauche, zu kuscheln, wenn ich es will, ein Abenteuer zu erleben, wenn mir langweilig ist. Und ich habe mir die Freiheit gegeben, immer bereit zu sein, den Richtigen zu finden.

Ist diese Freiheit zum Baumeister meines eigenen Gefängnisses geworden? Meinem Gefängnis aus Angst, ständig den Richtigen zu verpassen?

Ich bin eine Getriebene, die nie stehen bleibt, die immer auf der Suche ist.
Ich fange an, zu schwitzen, ich dachte, der Abend wird lustig, leicht, stattdessen hab ich die geballte Ladung Selbsterkenntnis mitten ins Gesicht geklatscht bekommen.

Mein süßer Typ, der zu wenig Sport macht, weiß nicht, das ich grad hier in dieser Klokabine sitze und dass da draußen jemand auf mich wartet, fällt mir grad ein. Schlechtes Gewissen. Ach ja, der wartet ja! Ich packe meine Tasche zusammen.

Ein Mädchen mit rosa riesen Kaugummiblase steht genervt vor meiner Tür, als ich sie öffne.
Irgendwie hab ich das Gefühl, jetzt nach Hause zu wollen. Ich blicke zur Bar, tausend Männer, hübsch, ja, oh ja, der geht auch klar, und der ganz links…Moment.

Ich gucke über den Stacheldraht meines Gefängniszauns. Ich gehe jetzt nach Hause. Sinniere mal darüber nach, was ich eigentlich will.

Mingle sein, oder doch weiter über meine Gefängnismauer hinausblicken?

Meinen Typen erblicke ich über den Zaun hinweg nirgendwo. Wahrscheinlich ist ihm beim Warten Eine über den Weg gelaufen, die vielleicht noch besser zu ihm passt. Ist ok. Ich hab eh genug für heute.

Aber eins hat der Typ richtig gemacht.

Er war von Anfang an ehrlich.

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