Das Wunder der Gradlinigkeit

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Das Wunder der Gradlinigkeit
Foto Giada.Berlin

 

Immer wieder frage ich mich, wie andere Menschen ihr Leben so hinkriegen. Wie schaffen die das, Rechnungen zu bezahlen, zu wissen was sie wollen, immer gradlinig zu sein und sich von der Liebe nicht aus dem Konzept bringen zu lassen?

 

Mein Leben ist eher ein riesengroßer Haufen Chaos. Briefe bleiben oft ungeöffnet, Geld ist am Ende des Monats immer weg und ich schiebe lieber Dinge auf, um einen schönen Tag in netter Zweisamkeit zu verbringen, als mich um etwas zu kümmern. Ich fühle ganz viel, lebe alle meine Emotionen und mache mir selbst das Leben verdammt schwer.

Es ist ja so, dass das Leben immer irgendwie weitergeht.

Das „irgendwie“ hat nur noch nie jemand so richtig definiert. Und das ist doof, denn darauf kommt es ja an.

Manchmal sitze ich zuhause, zähle die Blätter, die an dem Baum vor meinem Balkon im Wind wehen, und weiß weder ein noch aus. Mein Kopf fühlt sich benebelt an, kein klarer Gedanke ist zu fassen, Panik in der Magengegend.

Die Zukunft kommt mir vor wie ein riesiges Ungeheuer, das über mir seine riesigen Flügel schlägt, einen dunklen Schatten über mich werfend. Es reißt sein dunkles Maul mit den spitzen Zähnen über mir auf, bereit, mich zu verschlingen.

Doch umso länger ich das riesige Ungeheuer anstarre, desto mehr merke ich, wie sich das kleine Wesen in mir seinen Weg an die Oberfläche erkämpft. Das Wesen heißt Mut und Optimismus und immer, wenn es ganz schlimm um mich zu stehen scheint, dann besucht es mich.

Es flüstert mir von tief drinnen zu, dass man nicht immer wissen kann, was man möchte. Und dass es sicher nicht alle Dinge sind, die ich richtig mache, aber auch nicht alle falsch. Und dass ich Situationen bis zum Äußersten ausreize, die Beste bin in der Prokrastination, aber doch immer noch die Kurve kriege. Auch, wenn vorher schon Wege zur Abzweigung da waren. Es ruft mir all die schönen Momente ins Herz, die ich erlebt habe, weil ich so chaotisch bin wie ich bin.

Und es sagt mir, dass alles gut ist wie es ist. Man muss immer lernen. Sich selbst lehren, auf sich aufpassen, sich verzeihen, sich Mut machen. Und leben.
Und egal, wie viel Chaos ich in mein Leben hole – es ist nun mal so. Es geht immer weiter. Und es ist wunderschön.
Das Ungeheuer schwebt nun nur noch in weiter Ferne. Die Zukunft hat ein Auge auf mich gerichtet, und das ist gut so.

Denn wir sollten uns nicht aus den Augen verlieren. Aber uns keine Angst machen.