Tschüss Beziehung. Hallo Herr Allein.

Oversexed [ 0 ]
Herr Allein ist mein Begleiter Fotoquelle giada.berlin

 

Allein. Plötzlich ist man wieder allein. Ein Ende der Beziehung zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Es fühlt sich alles kalt und leer an. Besonders dann, wenn es einen kalt erwischt, wenn man Zeichen vorher nicht wahrnahm, weil man es nicht wollte. Oder weil es keine gab.

 

Häuser ziehen an mir vorbei. An uns. An uns.

Ich bin nicht allein in dieser rüttelnden, eisernen, gelben Schlange auf ihren Gleisen, die täglich Millionen von Menschen durch diese Stadt zieht.

Ich muss mich daran erinnern, dass ich nicht allein bin, weil ich mich absolut nicht so fühle, als sei ich nicht allein. Gestern war ich nämlich noch zu zweit. Jetzt bin ich allein. Ich bin nicht allein. Ich habe Freunde. Ich habe einen Hund. Um mich herum sind hunderte Menschen. Ich bin nicht allein!

U-Bahnen hatten für mich schon immer eine beruhigende Wirkung. Nachts, wenn ich im Bett liege, höre ich sie besonders gern. Dieses metallische Rütteln auf ihren Schienen, gleichmäßig anbahnend und abklingend, im regelmäßigen Abstand schaukelt sie mich so in den Schlaf. Ich habe dann immer das Gefühl, die Welt ist in Ordnung. Ich weiß auch nicht warum. Aber so lange ich nachts im gleichen Abstand das Gerüttel der U-Bahnen höre, mit ihren leisen Klingeln, wirkt es für mich friedlich da draußen. Eben so, als würde die Welt in geregelten Bahnen laufen.

Seit gestern Abend hilft aber auch das nicht mehr. Meine Welt ist auf den Kopf gestellt, mein Zimmer ist so leer ohne dich. Nichts ist in Ordnung. Weiterziehen hast du gesagt, musst du. Weiterziehen.

Mit wem du weiter ziehst, weiß ich nicht. Aber bestimmt nicht allein.

Das glaube ich einfach nicht. Es wäre einfacher für mich. Es wäre zwar eine Keule in die Magengrube, aber so richtig. Aber ich mag Antworten lieber, es wäre einfacher. Einfacher als dieses beschissene Gefühl. Taub. Kalt. Leer. Tot. Ich weiß nicht, wie lange du schon darüber nachgedacht hast, mich betrogen hast in Gedanken oder auch außerhalb davon. Wie lange du diesen Tag geplant hast, oder ob es eine Kurzschlussreaktion war. Ich weiß es nicht. Aber deine Sachen sind weg. Und das ging echt schnell.

Ich weiß auch nicht, wie viele Bahnen gestern an meiner Altbauwohnung vorbeifuhren und wie oft ich somit hoffte, dieses taube Gefühl würde mit jeder Bahn mehr verschwinden. Wie oft ich hoffte, die Welt könnte wieder normal sein, sich normal anfühlen. Wie oft ich hoffte, es würde alles gut sein. Es passierte nicht. Nichts ist gut. Und in meiner Verzweiflung habe ich mich nun in den Bauch der U-Bahn begeben. Anstatt ihr nur zuzuhören. Scheint ja nichts mehr zu bringen. So schwer es mir auch fiel aufzustehen, ich wollte einfach nur in den Bauch dieser fetten Raupe, die an jeder Station Menschen frisst und ausspuckt. Menschen frisst und ausspuckt. Ich dachte, wenn ich mich hineinsetze und einfach stumpf durch die Gegend fahre, müsste sich doch dieses absolut traurige Gefühl abstellen. Verschwinden. Ich müsste das Gefühl haben, besser atmen zu können. Ich dachte, sie fährt so schnell, wir würden meine scheiß Gefühle einfach abhängen. Ihnen davon fahren. Aber die U-Bahn macht alles noch schlimmer.

Ich hatte in meinem müden, verklärten Kopf nicht bedacht, dass sie beständig ihre Runden dreht und mir immer und immer wieder all die Schauplätze vor Augen hält, an denen ich einst so glücklich war. Wir. DAS ist ein Schlag in die Magengrube. Scheiße verdammt, ich sehe unsere ganze Beziehung, von Anfang bis Ende, wie einen Film, der verdammt echt aussieht, an mir vorbeiziehen. Als ich realisierte, was ich mir damit antat, meinen Platz in dieser Horrorbahn einzunehmen, war es schon zu spät. Ich bin versteinert seitdem. Versteinert. Ich sitze auf diesem viel zu rutschigen Platz und kann mich nicht bewegen. Unmöglich. Ich bin versteinert. Mein Herz wird nie wieder so sein wie vorher. Es ist auch aus Stein. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht weinen, ich kann meine Augen nicht abwenden. Immer und immer wieder sehe ich den Scheiß da draußen.

Ich bin nicht allein.

Ich bin nicht allein. Ein beschissenes Gefühl, wenn man gar nicht allein sein will und dann dazu gezwungen wird. Wenn einem diese warme, bunte Welt, in der man sich befindet, einfach entrissen wird. Ohne, dass man gefragt wird. Ohne, dass man gefragt wird, ob man ohne sie überhaupt noch leben kann. Oder will. Natürlich will ich das. Es muss sich eben noch ein bisschen pathetisch anhören. Ich will das. Aber es fühlt sich eben gerade nicht so an, als würde ich es können.

Dieses Gefühl wird bestimmt aufhören. Diese Taubheit wird aufhören. Diese Leere wird aufhören. Diese Angst wird aufhören. Die Versteinerung wird aufhören. Dieser Horrorfilm vor meinen Augen wird aufhören, der mir da draußen gezeigt wird. Weil ich aufstehen kann. Aufstehen und gehen. In mein kaltes Zimmer. Ohne dich. Aber auch das wird aufhören. Ich weiß nicht wann. Aber ich weiß, es wird aufhören.

Die U-Bahn wird nicht aufhören. Sie wird nicht aufhören, ihre Runden zu drehen. Und dafür liebe ich sie. Ich werde ruhig innerlich. Sie gibt mir das Gefühl, die Welt läuft in ihren Bahnen. Sie fährt ihre Runden.

Und neben mir sitzt Herr Allein. Ich wusste doch: ich bin nicht allein. Ich nehme Herr Allein an. Als Begleiter.

Wenn man seine Gefühle annimmt, übermannen sie einen nicht. Und ich werde so lange mit dieser Bahn fahren, bis ich die Kraft habe und es schaffe, aufzustehen. Und rauszugehen. Und so lange wird sie nicht aufhören. Nicht aufhören, auf ihren Schienen ihre Runden zu drehen.

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