Christian Grey ist psychisch krank! Narzissten und ihr Krankheitsbild

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Narzissten Fotoquelle Oliver Rath „Was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“

 

Narzissten. Diesen Ausdruck hört man gelegentlich mal hier oder mal da. Aber für uns ist dieser Ausdruck weit entfernt. Denken wir.  Das wir selbst oft unter Narzissten leben, oder sogar unter ihnen leiden, wissen wir oft gar nicht.

Das wir uns gerne in Männer verlieben, die dieser psychische Krankheit unterliegen, wissen wir auch nicht. Narzissten sind Psychopathen. Sie wirken extrem selbstsicher, haben vermehrt außergewöhnlich gute Jobs und ein Charisma, dessen Frauen reihenweise unterliegen. Auch der Mann, von dem seit Shades of Grey alle Frauen träumen, Christian Grey, ist das beste Beispiel eines ausgeprägten narzisstischen Krankheitsbildes. Und alle himmeln ihn an. Was wirklich dahinter steckt und wann sie gefährlich für uns werden können verrät uns Vera Kaesemann. Sie ist Autorin des kürzlich erschienen Roman´s „Liebe kälter als der Tod“ und unter anderem Therapeutin für narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Ich hatte da ein paar Fragen an sie.

 

giada.berlin: Das Buch „Liebe kälter als der Tod“ handelt vom Narzissmus, die Protagonistin Sara verfällt einem Menschen mit diesem Krankheitsbild regelrecht. Können sie mir zu Beginn sagen, was ein Narzisst ist, beziehungsweise, welche drei Eigenschaften ihn ausmachen?

Kaesemann: Also ganz wichtig ist erstmal, dass wir differenzieren. Wir leben tatsächlich in einer narzisstischen Gesellschaft, das heißt, wir haben fast alle narzisstische Anteile. Das ist nicht ungesund. Wenn man erst einmal für sich sorgt, ist das gesunder Egoismus. Das ist ganz normal und so sollte es auch sein. Der pathologische Narzissmus geht weit darüber hinaus. Das heißt, wir müssen aufpassen, Menschen als Narzissten zu titulieren. Es gibt wirklichen einen großen Unterschied zwischen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und dem normalen Ego-Mann. Der pathologische Narzisst hat eigentlich mehrere Merkmale. Auf drei kann man es kaum beschränken. Das entscheidende ist, dass der Narzisst immer ein Gefühl von besonderer Wichtigkeit hat. Das heißt, er erwartet eine besondere Behandlung, umgibt sich in der Regel mit Luxus, hat eine machtvolle Position und ist sehr intelligent und charismatisch. Diese Dinge, die Bewunderung bei anderen auslösen,  sind für ihn wie ein Geburtsrecht, er glaubt, sie stünden ihm alle zu. Und er braucht die Bewunderung, um sein mangelndes Selbstwertgefühl, das da drunter liegt, immer wieder zu stärken. Eigentlich sind das ganz unsichere Menschen, die überhaupt kein Selbstbewusstsein haben. Sie bauen sich eine Scheinwelt auf. Und dies ist der zweite wichtige Punkt, sie leben in einem Lebenslügenkonstrukt. Das ganze Leben ist auf viele Lügen aufgebaut. Und vor allen Dingen auf einer Selbstlüge. Sie belügen sich ihr Leben lang selbst. Und das führt dann irgendwann dazu, diese Bewunderung durch Manipulation zu erreichen oder wieder herzustellen. Das ist auch ganz wichtig: sie sind von Grund auf manipulativ und lügen,dass sich die Balken biegen. Dies tun sie so authentisch, dass sie selber irgendwann daran glauben. Narzissten haben auch immer mehrere Frauen an ihrer Seite, weil sie Angst haben, verlassen zu werden. Sie wickeln Frauen mit einem unglaublichen Charme um den Finger und geben ihnen ein unglaubliches Gefühl der Empathie. Obwohl sie gar keine Empathie verspüren können. Und damit sie nicht verlassen werden können, weil sie das irgendwann in ihrer Kindheit mal erlebt haben, haben sie immer mehrere Frauen, von denen sie sich die Bewunderung, Zuneigung und Aufmerksamkeit holen. Und dann lassen sie die Frauen regelrecht fallen oder halten sie an der langen Leine. Narzissten sind komplett unempathisch. Sie können nicht fühlen. Und das ist das Drama.

giada.berlin: Dann wäre ja meine nächste Frage, ob eine Liebesbeziehung zu einem Narzissten überhaupt möglich ist, hinfällig oder?

Kaesemann: Das ist hinfällig, wenn man von wirklicher Liebe ausgeht. Natürlich kann man eine Beziehung zu einem Narzissten führen, wenn man sich drauf einstellt. Das heißt, dass man da nicht so viel zurück kriegt. Das machen ja aber auch viele Frauen. Es gibt ein schönes Beispiel. In der Serie „House of Cards“ spiegeln der Präsidentenanwärter und seine Frau die Prototypen der Narzissten wieder. Und das funktioniert. Die beiden sind so manipulativ und so machtbesessen, sie ergänzen sich gut.

giada.berlin: Das ist interessant, ich habe mich nämlich gefragt, was wohl passiert, wenn sich zwei Narzissten treffen…

Kaesemann: Das kann funktionieren! Das kann aber auch Hauen und Stechen geben, wenn sich einer zurückgesetzt oder kritisiert fühlt. Das ist auch ein weiterer, ganz wichtiger Punkt: Narzissten sind überhaupt nicht kritikfähig. Kritik kratzt sofort an seinem Selbstwert und dem entzieht er sich entweder oder schlägt dermaßen zurück, dass man denkt: was passiert jetzt hier?

giada.berlin: Wissen denn Narzissten selbst von ihrer Störung?

Kaesemann: Das ist eine schwierige Frage, denn Narzissten kommen in der Regel nicht in die Therapie. Der Narzisst hält sich für richtig, so wie er ist. Er kann sich das anders gar nicht vorstellen. Er hat seine Gefühle so abgespalten, dass er wahre Empathie, Mitgefühl, nicht zeigen kann. Er weiß gar nicht, wie oder was das ist. Das heißt, er hat gelernt, an Gesichtern abzulesen, was Traurigkeit ist. Dies übernimmt er dann in bestimmten Situationen. Narzissten sind wahnsinnig intelligent. Narzissten gehen erst dann in Therapie, wenn sie im Alter krank werden, beziehungsweise, wenn sie einer Sucht verfallen, die dann Beschwerden macht. Und Menschen mit diesen Krankheitsbildern haben häufig Süchte. Wenn sie dann einen Therapeuten haben, der relativ gut ist, kann dieser herausfinden, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt. Die meisten brechen dann aber die Therapie ab und zwar aus folgendem Grund: sie haben ihr Leben lang dieses Lügenkonstrukt aufgebaut. Eine Therapie würde somit bedeuten, ihr gesamtes Leben in Frage zu stellen. Und das machen sie nicht. Sie machen lieber so weiter.

giada.berlin: Ich habe mal etwas von einer narzisstischen Krise gelesen…

Kaesemann: Diese entsteht relativ häufig. Wenn zum Beispiel der Erfolg ausbleibt oder Kritik geübt wird. Oder sie krank werden. Dann können Narzissten ihr Selbstwert nicht mehr aufrechterhalten und verfallen in Depressionen. Es ist bekannt, dass Narzissten fast alle irgendwann depressiv werden. Ein Narzisst sitzt schon irgendwann mal zuhause und stellt fest, dass er eigentlich total einsam und alleine ist. Und dann holt er sich den nächsten Kick.

giada.berlin: Das macht dann ja auch mit der Sucht Sinn. In die Sucht kann ich mich dann retten, abschalten, die Wahrheit verdrängen. Gibt es denn bekannte Narzissten, die sie uns nennen können?

Kaesemann: Wir wissen gesichert, dass Oscar Wilde Narzisst war. Salvador Dali ebenso. Selbst Coco Chanel. Es ist aber auch schön, Beispiele aus der Literatur oder aus Filmen zu finden. Christian Grey, zum Beispiel, aus Shades of Grey, ist der Ober-Narzisst. Doch hier hat Hollywood, wie immer in diesem Thema, Mist gebaut. Denn die Geschichte geht irgendwann gut aus. Und das ist totaler Quatsch. Die armen Frauen, Millionen, die das gelesen haben, glauben nun, dass es ein Happy End gibt. Das wird es mit einem Narzissten aber niemals geben. Auch Richard Gere in Pretty Woman ist totaler Narzisst. Es wird aber auch vermutet, dass der GermanWings-Pilot, der die Maschine in Frankreich zum Absturz gebracht hat, eine narzisstische Störung hatte. Und zwar gekennzeichnet dadurch, dass er einkalkulierte, sein Tod würde so viele Menschen mitreißen, dass es auf jeden Fall durch die Presse gehen würde. Für einen Narzissten ist dies das letzte Zeichen für: Ich bin der Star. Sich so einen grandiosen Selbstmord und Mord zu liefern ist total narzisstisch, hier liegt eine psychische Störung des Narzissmus vor.

Narzissten sind Psychopathen

von Vera Kaesemann

giada.berlin: Gibt es eigentlich genauso viele männliche wie weibliche Narzissten? Bisher scheint dieses Krankheitsbild eher von Männern besetzt…

Kaesemann: Es gibt natürlich auch den weiblichen Narzissmus, der zeigt sich nur ein wenig anders als der männliche. Weibliche Narzissten haben ganz oft nicht diesen Machthunger, aber einen exzessiven Schönheitswahn. Sie hungern sich auf Size Zero und lassen Schönheitsoperationen bis ins hohe Alter über sich ergehen. Sie spielen aber auch mit den Männern und wechseln häufig ihre Partner und können genauso manipulativ sein.

giada.berlin: Sie haben zu Beginn von der narzisstischen Gesellschaft gesprochen. Ist der Narzissmus heutzutage schlimmer geworden als in früheren Generationen?

Kaesemann: Ich denke ja. Durch die ganzen Medien und Social Media wird der Narzissmus extrem geschürt. Nicht alle Menschen auf Facebook haben eine Persönlichkeitsstörung, aber es verleitet natürlich dazu, sich immer in ein wunderbares Licht zu stellen.

giada.berlin: Wie kann man denn nun rausfinden, ob man noch einem gesunden Egoismus unterliegt oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat?

Kaesemann: Wir haben am Ende des Buches „Liebe kälter als der Tod“ Hinweise für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und auch auf die Co-Abhängigkeit gegeben. Ich glaube, dass sich kein Narzisst hinsetzt und ehrlich diese Fragen beantwortet. Noch einmal: egoistisch zu sein und an sich selbst zu denken ist das Eine. Irgendwann empathielos zu sein und manipulativ zu werden das Andere. Dann geht´s in die falsche Richtung.  Wirklich über Leichen zu gehen ist dann der Punkt, bei dem es sich nicht mehr um einen normalen Egoismus handelt.

giada.berlin: Was gibt es denn für uns Frauen für Möglichkeiten, sich für den Alltag zu schulen, um einen Narzissten zu erkennen?

Kaesemann: Das Wichtigste ist, dass die Frau lernt, auf ihr Gefühl zu vertrauen. Die meisten Frauen, mit denen ich zu tun habe, haben nach relativ kurzer Zeit schon den Anflug eines Gefühls gehabt: hier stimmt was nicht. Darauf zu vertrauen, auf das Bauchgefühl, und da dran zu bleiben, das ist der wichtigste Rat.

giada.berlin: Wenn man nun feststellt, man ist an einen Narzissten geraten, was gibt es dann zu tun? Gibt es eine Regel im Umgang?

Kaesemann: Frauen glauben ja immer, sie könnten irgendwas tun, um diesem Menschen zu helfen. Aber aus der Erfahrung heraus gibt es eigentlich nur eine Empfehlung. Nur eine einzige. Und die heißt: Kontaktabbruch. Komplett. Telefonnummer blockieren, E-Mail und facebook Account löschen. Einige Frauen mussten umziehen. Denn der Narzisst lässt nicht locker. Er gibt immer wieder Hoffnung, und die Frauen fallen immer wieder drauf rein. Es ist eine Endlosschleife. Es geht nur über den kompletten Abbruch. Nicht mehr antworten. Auch nicht nett sein. Ansonsten kommt immer wieder ein Hoffnungsschimmer auf, er hätte sich doch geändert. Aber das wird nicht passieren. Je eher wir Frauen ihre Beine unter den Arm nehmen und rennen, desto besser.

 

 

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